Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXXI

Verfahren Nr.694 - 701 (1968 - 1969)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Stichting voor wetenschappelijk onderzoek van nationaal-socialistische misdrijven, Amsterdam

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Lfd.Nr.701a LG Stuttgart 13.03.1969 JuNSV Bd.XXXI S.697

 

Lfd.Nr.701a    LG Stuttgart    13.03.1969    JuNSV Bd.XXXI S.744

 

und Dezember 1964 fest, wenngleich zu beachten war, dass der Zeuge damals schon unter der gedächtnistrübenden Auswirkung einer schweren Erkrankung gestanden haben dürfte, der er dann am 26.1.1965 (Bd.IV Bl.35b d. HA) erlag. Er bezeichnet in der Vernehmung vom Oktober 1964 Blobel und Soh. als Chefs der Aktion, wobei er nicht habe unterscheiden können, was in die Zuständigkeit des einen oder anderen gefallen sei. Blobel habe zwar, so führte der Zeuge schon in den ersten polizeilichen Vernehmungen aus, den gesamten Einsatz des Sonderkommandos 1005 A in Babij-Yar bis zum Brennen des ersten Scheiterhaufens organisiert, sei dann aber plötzlich weggewesen und nur hin und wieder kurzfristig zurückgekehrt. Danach war also Blobel, entgegen der Darstellung des Angeklagten, nicht durchgängig da, vielmehr war der Angeklagte in Kiew zumindest zeitweilig an vorderster Stelle verantwortlich. Erkennbar hat sich Soh. nach der Beobachtung des Zeugen Han. dort auch mit der Materialbeschaffung befasst. Daneben habe er, der Zeuge, Soh. (gleichzeitig) für den Führer des Sonderkommandos 1005 B gehalten. In der untersuchungsrichterlichen Vernehmung vom Dezember 1964 bekundet Han., dass Soh. in Kiew hin und wieder erschienen sei und dann Anordnungen an den Kommandoführer des Teilkommandos 1005 A gegeben habe. Soh. habe auch, als in Babij-Yar ein Kommando aus beiden Teilkommandos zusammengezogen worden sei, diesem Instruktionen über die Tätigkeit und insbesondere über die Pflicht zur Geheimhaltung sowie die sich daraus ergebenden Folgen bei einer etwaigen Pflichtverletzung erteilt.

 

An der Wahrheit dieser Bekundungen des Zeugen Han. zu zweifeln, bestand für das Gericht nach kritischer Abwägung kein Anlass. Diese Angaben bestätigen vielmehr nur das, was sich aus dem übrigen Beweisergebnis ohnehin ergibt, nämlich dass der Angeklagte Soh. schon in Kiew in massgeblicher Rolle bei der Aktion 1005 im Südabschnitt der Ostfront und als Gesamtkommandoführer der beiden Teileinheiten 1005 A und 1005 B in Erscheinung trat.

 

Darüber hinaus konnten aus folgenden Umständen Aufschlüsse über die Aufgabe, die Soh. zur Tatzeit hatte, gewonnen werden: Aus den insoweit übereinstimmenden Einlassungen der drei Angeklagten Soh., Zie. und Kir. ergab sich, dass der Aufbau und das Tätigwerden der in der Ukraine eingesetzten, in keine militärische Planung passenden Sonderkommandos 1005 A und 1005 B weitgehend der persönlichen Initiative der führenden Beteiligten überlassen war, weshalb ständig improvisiert werden musste. Besonders Zie. und Kir. machten dies in verschiedenem Zusammenhang immer wieder deutlich. Dazuhin konnte bei der notwendigen Beweglichkeit und Freizügigkeit der Kommandos sowie der Geheimhaltungsbedürftigkeit des Ganzen kein auch nur einigermassen fester Kontakt zwischen den beiden Teilkommandos zustande kommen. Trotzdem vollzog sich der Einsatz der Kommandos in sinnvoller gegenseitiger Abstimmung. Daraus lässt sich auf eine den Teilkommandos übergeordnete Gesamtorganisation und Leitung schliessen, die, da Blobel als Verantwortlicher der Aktion 1005 in allen Ostgebieten meist abwesend war, im Südabschnitt in Händen des nach Blobel ranghöchsten SS-Führers gelegen haben muss. Dieser SS-Führer war Soh.

 

Dem entspricht, dass Soh. (genauso wie Blobel im Gesamtgebiet) in der Ukraine freibeweglich agierte und nicht an ein Teilkommando gebunden war. Er selbst betonte glaubhaft, dass er sehr viele Dienstreisen unternommen habe. Dies unterstreicht seine übergeordnete Führungsposition. Die von Soh. behauptete Bestellung eines stationären, ihm vorgesetzten Vertreters Blobels in Gestalt des Abteilungsleiters IV beim BdS wäre demgegenüber und in Anbetracht der wegen des ausgedehnten, räumlichen Zuständigkeitsbereiches notwendigen Beweglichkeit des Gesamtkommandoführers geradezu widersinnig gewesen. Im übrigen wurden am 28.8.1943, also mitten während der Enterdung in Babij-Yar, gleichzeitig der BdS Dr. Thomas und der Zeuge E. als KdS aus Kiew wegversetzt. Der Leiter der Abteilung IV beim BdS in Kiew wechselte innerhalb kurzer Zeit sogar zweimal: etwa im September 1943 löste der SS-Sturmbannführer Wilhelm Hülf den bisherigen Abteilungsleiter IV Dr. Knab ab. Aber auch Hülf spielte praktisch nur eine Gastrolle, bis er am 8.11.1943 zum KdS Dijon bestellt wurde. Dieser verschiedentliche Wechsel in den massgeblichen Positionen während