Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXXI

Verfahren Nr.694 - 701 (1968 - 1969)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Stichting voor wetenschappelijk onderzoek van nationaal-socialistische misdrijven, Amsterdam

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Lfd.Nr.701a LG Stuttgart 13.03.1969 JuNSV Bd.XXXI S.697

 

Lfd.Nr.701a    LG Stuttgart    13.03.1969    JuNSV Bd.XXXI S.706

 

kommandiert. Durch Verfügung des RSHA vom 18.3.1944 wurde die Abordnung zum BdS Ukraine aufgehoben, weil Soh. an einer schweren ruhrähnlichen Erkrankung litt. Nach seiner Genesung wurde er als Leiter der Abteilung III D (Wirtschaft) beim SD-Abschnitt Braunschweig eingesetzt. Zeitweilig war er auf demselben Gebiet auch in Berlin tätig.

 

Nach Kriegsende befand sich Soh. vom 5.7.1945 - 25.5.1948 in Internierungshaft. Am 19.5.1948 wurde er durch Urteil des Spruchgerichts Benefeld-Bomlitz wegen Zugehörigkeit zur SS und zum SD nach dem Kontrollratsgesetz Nr.10 in Verbindung mit dem Nürnberger Urteil und der MRVO Nr.69 zu 2 Jahren und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe war durch Anrechnung der erlittenen Internierungshaft am 25.5.1948 verbüsst. Nach der Entlassung versuchte sich der Angeklagte beruflich zunächst bei den Amerikanern als Übersetzer und als Autoverkäufer. Er wohnte unter anderem in Frankfurt, Kaiserslautern und Trier. Nach vorübergehender Arbeitslosigkeit fand er 1961 in Stuttgart schliesslich eine Beschäftigung als Lagerist, der er seitdem bei einem derzeitigen Monatsnettoverdienst von annähernd DM 800,- nachgeht.

 

Seit dem Jahre 1932 ist Soh. verheiratet. Aus seiner Ehe sind 6 Kinder hervorgegangen, die inzwischen alle erwachsen und nicht mehr auf die Unterstützung des Angeklagten angewiesen sind.

 

Ausser der erwähnten Verurteilung durch das Spruchgericht Benefeld-Bomlitz mussten gegen den Angeklagten bisher zwei weitere Strafen verhängt werden. Während es sich in einem Fall um eine im Jahre 1954 vom Hauptzollamt Idar-Oberstein festgesetzte Geldstrafe über DM 55,- wegen eines unbedeutenden Zolldelikts handelt, wurde Soh. am 4.10.1956 vom erweiterten Schöffengericht des Amtsgerichts in Neuss wegen fahrlässiger Tötung (im Strassenverkehr) rechtskräftig zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt und ist 1962 erlassen worden.

 

In vorliegender Sache hat der Angeklagte keine Untersuchungshaft verbüsst.

 

B) Zur Person und Laufbahn des Angeklagten Zie.

 

Zie. hatte drei Brüder, die heute nicht mehr am Leben sind. Sein Vater war Reichsbahnoberzugführer. Der Angeklagte wuchs in geordneten Verhältnissen auf und besuchte in seinem Geburtsort die Volks- und Realschule. Die Familie verzog 1916 nach Posen, wo Zie. bis Ende 1918 in die Oberrealschule ging. Nachdem Posen unter polnische Herrschaft geraten war, flüchtete Zie. im Frühjahr 1919 nach einer Verhaftung auf deutsches Reichsgebiet und meldete sich freiwillig zu einem Freikorps, mit welchem er im Baltikum und in Oberschlesien im Einsatz war. Seine Schulbildung setzte er erst fort, als er 1920 wieder zu seinen Eltern, die inzwischen aus Posen ausgewiesen worden waren, nach Stargard/Pommern ziehen konnte. Dort legte er Anfang 1921 die Reifeprüfung ab und begann noch im Frühjahr jenes Jahres auf der Universität in Greifswald mit dem Studium der Rechtswissenschaft. Wegen finanzieller Schwierigkeiten in der Inflationszeit war der Angeklagte nach dem 6.Semester im Winter 1923/24 gezwungen, sein Studium zu unterbrechen. Er begann 1924 eine erste journalistische Tätigkeit als Redaktionsvolontär bei zwei Zeitungen in Stargard und brachte es nach seinen Angaben in den folgenden Jahren zu einer abgeschlossenen journalistischen Ausbildung. Zwar nahm Zie. 1926 das Jurastudium daneben wieder auf und meldete sich 1927 nach insgesamt 8 Studiensemestern auch zum Staatsexamen an. Ein ordnungsmässiger Abschluss gelang ihm jedoch nicht. Ebenso scheiterte schliesslich sein Vorhaben zu promovieren.

 

Den ersten Anschluss an die nationalsozialistische Bewegung fand der Angeklagte im Sommer 1923 in Greifswald, von wo aus er auch alsbald im Herbst jenes Jahres einen Antrag auf Aufnahme als Parteimitglied nach München richtete. Im Frühjahr 1924